Künstler:innen im Portrait: Patrik Thomas
Patrik Thomas gewann in diesem Jahr den Bayerischen Atelierpreis. Der Filmemacher und Medienkünstler. Er ist der kreative Kopf hinter Ciné Vélo Cité, einem mobilen Fahrradkino und Filmlabor, das im Sommer kostenlose Filme an verschiedenen Orten zeigt und den benötigten Strom klimafreundlich über Solarpanels auf einem Lastenrad erzeugt.
Patrik Thomas, o.A.
Patrik Thomas arbeitet als Filmemacher und Medienkünstler in München. Seine Arbeit bewegt sich zwischen Dokumentarfilm, expanded cinema und partizipativen Filmpraktiken im öffentlichen Raum. Wiederkehrend sind Fragen nach kulturellem Widerstand, kollektiver Autorschaft und den Bedingungen, unter denen Menschen sich Bilder und Geschichten aneignen. Seine Filme entstehen aus langen Recherchen vor Ort, oft in enger Zusammenarbeit mit den Protagonist:innen. Er studierte an der Akademie der Bildenden Künste München bei Olaf Nicolai, Julian Rosefeldt und Klaus vom Bruch und absolvierte ein Meisterschülerstudium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei Clemens von Wedemeyer. Forschungsaufenthalte führten ihn unter anderem als post-graduate research fellow an die Universidade de São Paulo. Seine Filme und Installationen wurden international auf Festivals, Biennalen und in Ausstellungen gezeigt und mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem FFF Förderpreis der Regensburger Kurzfilmwoche und dem Best Shortfilm Award des International Uranium Film Festival in Rio de Janeiro.
Webseite: https://patrikthomas.de
Instagram: patrikthomas_film und cinevelocite
CINE VELO CITE, 2023, NEBourhoods Neuperlach, © Patrik Thomas.
Was machst du als erstes, wenn du in dein Atelier kommst?
Die Kaffeemaschine an…
Mit welchen Themen und Motiven beschäftigst du dich in Deiner Kunst?
Mich interessiert das Kino als sozialer Raum – nicht das fertige Werk, sondern der Moment, in dem Menschen gemeinsam Bilder sehen und darüber ins Gespräch kommen. Wiederkehrende Fragen in meiner Arbeit sind: Wer erzählt welche Geschichten? Wer hat Zugang zu Produktions- und Verteilungsmitteln? Und wie können Filmpraxis und kollektive Pädagogik zusammenwirken, um alternative Öffentlichkeiten zu schaffen? Kultureller Widerstand ist dabei eines der Kernthemen.
Welche Aspekte deiner Arbeit sind über die Jahre hinweg konstant geblieben?
Die Überzeugung, dass Kino ein Werkzeug sein kann – eines, das Menschen gehört, nicht nur Institutionen. Ob in São Paulo, Lissabon oder München: Immer wieder suche ich nach den Praktiken, mit denen Gemeinschaften sich Bilder und Erzählungen aneignen, außerhalb etablierter Strukturen. Diese Frage nach kollektiver Autorschaft zieht sich durch meine Filme genauso wie durch die Infrastrukturprojekte. Und: die Langsamkeit. Meine Projekte entstehen aus langen Recherchen, oft über Jahre. Das bleibt.
Welche Gespräche oder Diskurse möchtest du mit deiner Arbeit anregen?
Ich möchte fragen, was Kino eigentlich leisten kann jenseits von Unterhaltung und Kunstmarkt. Was bedeutet Gegenarchivierung in Zeiten algorithmischer Bildproduktion? Welche Rolle spielen informelle Filmkulturen – Cineclubs, Wanderkinos, Schulvorführungen – für politisches Bewusstsein und kulturelle Teilhabe? Und konkreter: Wie können wir Filminfrastrukturen so gestalten, dass sie nicht nur konsumiert, sondern aktiv genutzt und angeeignet werden können? Dabei geht es mir auch um gesellschaftliche Machtverhältnisse: um wachsende Ungleichheit, um die Frage, wessen Stimmen in öffentlichen Räumen hörbar sind und wessen nicht. In einer Zeit, in der autoritäre Tendenzen und ein breiter Rechtsruck demokratische Errungenschaften unter Druck setzen und Konservatismus zum kulturellen Rollback einlädt, verstehe ich Filmarbeit auch als Werkzeug des Empowerments – als Möglichkeit, kollektives Bewusstsein zu stärken und Gegenerzählungen sichtbar zu machen.
Was oder wen möchtest du mit deiner Kunst erreichen?
Eigentlich alle: und das meine ich ernst. Mich interessiert nicht die homogene Zielgruppe, sondern die Reibung zwischen unterschiedlichen Perspektiven. Ich möchte politische Entscheidungsträgerinnen ansprechen und Menschen mit privilegiertem Zugang zu Ressourcen und Institutionen, genauso wie marginalisierte Gemeinschaften, Grenzgängerinnen und Außenseiter*innen, die selten im Mittelpunkt kultureller Förderung stehen. Film und das Kino als gemeinsamer Raum hat das Potenzial, diese Welten zumindest kurz in Berührung zu bringen. Darin liegt für mich seine politische Kraft.
CINE VELO CITE, 2024, Halle12 Spinnerei Leipzig, © PatrikThomas.
Welchen Herausforderungen begegnest du als Künstler und wie gehst Du mit ihnen um?
Wir leben in einem Moment, in dem sich gesellschaftliche Krisen gegenseitig verstärken: Polarisierung, Desinformation, KI-gestützte Manipulation und ein politisches Spektrum, das sich kontinuierlich nach rechts zu verschieben scheint. Was wir bei CINÉ VÉLO täglich in der Medienbildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen erleben, macht das sehr konkret spürbar. Die Spirale dreht sich schneller, als wir nachkommen. Kritisches Denken wird immer weniger gelehrt – und man gewinnt den Eindruck, dass das auch nicht unbedingt gewollt ist.
Genau hier wäre Kulturarbeit unverzichtbar. Stattdessen wird sie wie eine nette Staffage behandelt: als dekoratives Element, nicht als existenzieller Kitt einer Gesellschaft. Das Spardiktat und die Fixierung auf die schwarze Null treffen genau jene Strukturen, die gesellschaftlichen Zusammenhalt erst möglich machen.
Das schlägt sich auch in den Arbeitsbedingungen nieder. Partizipative Projekte im öffentlichen Raum passen selten in klassische Förderlogiken. Was ist das „Werk", wann ist es „fertig", wer sind die Autorinnen? Die Bürokratie wird komplexer, die Antragsverfahren aufwendiger, während kleine Initiativen überproportional belastet werden. Dazu kommt der Kostendruck in einer Stadt wie München, der für Künstler*innen und Kulturprojekte immer schwieriger wird.
Was ich versuche dabei zu etablieren ist Resilienz, ein selbstorganisiertes Netzwerk von Akteur:innen in dieser Stadt: Initiativen, Künstler:innen, Pädagog:innen, die ähnliche Fragen stellen und sich gegenseitig auf verschiedenste Weise stärken. In München gibt es diese Strukturen. Sie sind fragil, aber lebendig. Und sie sind letztlich das, was kollektive Kulturarbeit unter diesen widrigen und prekären Bedingungen überhaupt erst möglich macht.
Welche Wünsche oder Vorstellungen hast du für die Zukunft der Kunst bzw. der Kunstwelt?
Was passiert mit Kunst, wenn sie vollständig vom Markt vereinnahmt wird, wenn ihr Wert nicht mehr in dem liegt, was sie auslöst oder zusammenbringt, sondern nur noch darin, was sie kostet? Es gibt eine Tradition des Denkens, die Kunst als ein Lebensmittel begreift, als Vorschein einer Zivilgesellschaft, die noch möglich wäre. Diesem Gedanken fühle ich mich verpflichtet.
Daraus folgt ein konkreter Wunsch: eine Förderkultur, die Infrastruktur als künstlerische Praxis anerkennt, langfristige Beziehungen zu Gemeinschaften ermöglicht und Spielräume für kollektive Autorschaft sowie kritisches Experiment lässt, jenseits von Zwölfmonats-Projektlogiken und Mainstream-Festivalparcours. Kino als öffentliches Gut ist politische Notwendigkeit.
Kulturarbeit, die in Vierteln verwurzelt ist, Nachbarschaft stärkt und Menschen miteinander in Kontakt bringt, stärkt gesellschaftliche Resilienz und fördert Toleranz. Sie schafft Räume für eine offene, pluralistische und migrationsfreundliche Willkommenskultur. Angesichts der Baby-Boomer Demografie ist dies eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Ich habe immer am meisten von anderen gelernt, von Menschen mit anderen Erfahrungen, anderen Blickwinkeln, anderen Bildsprachen. Eine Kunstwelt, die das ernst nimmt ist wofür ich arbeite.
Was macht für dich der ideale Ort zum Kreativsein aus?
Die Freiheit das zu tun, was man in der restlichen Stadt nicht tun kann. Laut, chaotisch, unangepasst, ein richtiger Freiraum halt an dem es so wenig Regeln wie gerade nur nötig gibt.
BOALANDIA, 2024, Filmstill, PatrikThomas, © Mathias R. Zausinger.