Im November portraitieren wir Janina Totzauer. Die Atelierpreisträger:in 2025 ist ein wahres Multitalent und überzeugt nicht nur in ihren künstlerischen Arbeiten, sondern auch als Kuratorin. Zeit, sie kennenzulernen, wer es nicht sowieso schon tut.
Janina Totzauer, © Magdalena Jooss.
Janina Totzauer ist eine deutsche Medienkünstlerin. Ihr Studium der digitalen und zeitbasierten Medien an der Kunstakademie in München, in Kapstadt und Mexiko-Stadt nährte ihr Interesse für historische und zeitgenössische Brauchtümer und Rituale. Ihr künstlerisches Werk wurde tiefgreifend durch sechs Jahre des Arbeits- und Lebensmittelpunktes im südlichen Mosambik beeinflusst, in welchem sie die Keramik zu ihren Medien hinzufügte. Im Jahre 2021 wurde sie mit dem Debütant:innen-Preis des BBK München und dem Stipendium der Stadt München für Bildende Kunst ausgezeichnet, im Jahr 2025 mit den Sudetendeutschen Kulturpreis. Artist Residencies und mehrere Stipendien - unter anderem vom DAAD und dem Oberpfälzer Künstler:innenhaus - führten sie in den letzten drei Jahren nach Südkorea, Kalifornien, Namibia und Mexiko. Totzauers skulpturales und audiovisuelles Werk wurde international ausgestellt. Seit 2018 ist Totzauer Ko-Kuratorin der "AlmResidency", einer jährlich stattfindenden Künstler:innen-Residenz in den bayrischen Voralpen. In den Jahren 2019 und 2020 ko-kuratierte und leitete sie die illegal besetzte "ille galerie" in München. Ende 2020 gründete Totzauer den Studio-Offspace „ArtLabTofo“ in Praia do Tofo, Mosambik. Zusammen mit ihrer Freundin Thandi Pinto initiierte sie im Jahr 2025 das AiR-Programm der Stadt München zwischen München und Mosambik.
Webseite: https://janinatotzauer.de/
Instagram: https://www.instagram.com/janina.totzauer/
Brut, Keramik und Video, 2025, Foto von Magdalena Jooss.
Welche Gespräche möchtest du mit deinen Werken anregen?
Meine Arbeiten sehen teilweise aus wie fremdartige Wesen, wie Aliens. Ich möchte dazu anregen über „Anders-Sein“ und „Andersartigkeit“ nachzudenken und wieweit es eine kulturelle Errungenschaft ist, dem Fremden nicht mit grundsätzlicher Ablehnung, sondern mit Neugier zu begegnen. Aus eben jenem Gedankentraining der Empathie entspringt für mich ein tief politischer Gedanke der Offenheit gegenüber anderen Lebensweisen, Kulturen, Religionen und Meinungen.
Inwiefern beeinflusst es deine Art, durch die Welt zu gehen, dass du Künstlerin bist?
Die Kunst ist aus keiner Lebenssekunde mehr wegzudenken. Je nach Projekt, an dem ich gerade arbeite, verknüpft mein Gehirn automatisch das Erlebte mit der jeweiligen Thematik und versucht, daraus einen Sinn zu spinnen.
So wähle ich für einen „Urlaub“ natürlich Länder aus, die mich auch im Hinblick auf mein künstlerisches Projekt interessieren. Meine abendliche Lektüre im Bett ist auf meine Recherchen abgestimmt, und ich schaue gerne Science-Fiction-Filme mit möglichst vielen Aliens. Da frage ich mich manchmal, ob meine künstlerischen Projekte eine kognitive Verzerrung meiner Weltsicht bewirken…
Was treibt dich in deiner künstlerischen Arbeit an?
Besonders treiben mich Reflexion und Austausch an.
Nach Jahren auf meine eigenen Werke zurückzublicken, bereitet mir große Freude und eröffnet mir neue Einsichten in meine Person und mein Leben. Oft entdecke ich Interessen oder bestimmte Eigenschaften, die ich damals noch gar nicht benennen konnte. Vielleicht, weil ich mich zu diesem Zeitpunkt noch mittendrin befand.
Auch der Austausch mit anderen Menschen entfacht in mir dieses kleine Brennen der Inspiration, das man manchmal im Herzen oder unter den Fingerspitzen verspürt. Mein Gegenüber vertritt oft ganz andere Meinungen und lebt in einer anderen Realität, geprägt von einer ganz eigenen persönlichen und kulturellen Vergangenheit. Jeder Bruch mit der eigenen Denkweise und das daraus resultierende Umdenken, befeuert meine künstlerische Arbeit.
Specimen Unit 003, Keramik und Plastik, 2026, ©Magdalena Jooss.
Tadpoles, Kermaik und Video, 2026, © Regina Recht.
Welche Rolle spielen Spaß und Freude in deiner Kunst?
Nicht nur in der Kunst, sondern im gesamten Leben sind Spaß und Freude existenziell. In vielen Ländern der Welt habe ich Situationen erlebt, die von Elend, Trauer und Tod geprägt waren und in denen sich die Menschen dennoch dazu entschieden, Humor zuzulassen, Witze zu erzählen und der Ernsthaftigkeit mit einer gewissen Zynik ihre Grenzen aufzuzeigen. Diese Freude kann heilsam sein.
In meiner Kunst versuche ich, mir die Freude am Experimentieren zu bewahren. Das ist leichter gesagt als getan in einer kapitalistischen Welt, in der Produktion (überlebens-)wichtiger ist als unproduktives, spielerisches Herumbasteln. Dabei ist es doch gerade dieses ergebnisoffene Experimentieren und die daraus entstehende kindliche Freude, die uns von Maschinen und dem bloßen Streben nach Profit unterscheiden.
Wie wird sich dein Werk deiner Meinung nach über die Zeit entwickeln?
Ich habe gelernt, dass ich das nicht vorhersehen kann. Vor fünf Jahren habe ich angefangen, mit Keramik zu arbeiten – eine revolutionäre Wende für meine Hände und mein Hirn nach einem Studium der Videokunst. Allein die Tatsache, dass es in meiner damalige Wahlheimat Mosambik ein Keramikatelier und eine großartige Lehrerin namens Jill gab, brachte mich dazu, es einfach einmal auszuprobieren. Sechs Jahre später lerne ich immer noch dazu und versuche, Video und Keramik miteinander zu verbinden. Das hätte ich mir während meines Studiums nie träumen lassen.
Wer weiß, vielleicht schleife ich in zehn Jahren reiskorngroße Marmorskulpturen, bespritze Rauminstallationen mit Pappmaché oder verhelfe Pflanzen mithilfe von KI zum Sprechen. Für mich bedeuten Neuanfänge kein Rückschritt, sondern sind oft nötig und wichtig.
Wovon (tag)träumst du?
Von mehr gesellschaftlicher und institutioneller Gleichberechtigung, von einem Ende des Patriarchats, weltweit.
Brot und Spiele, Textil und Video, 2023, © Magdalena Jooss.