Nach dem Besuch der britischen Delegation von Vertreter:innen von CVAN und Meadow Arts diesen Sommer in Bayern stand in diesem Herbst der Gegenbesuch an: Eine Delegation des BBK Bayerns war in den englischen Midlands unterwegs, um die vielfältige Kunstlandschaft der Region kennenzulernen, Erfahrungen auszutauschen, neue Verbindungen zwischen Bayern und Großbritannien zu knüpfen und v.a. das neue Künstler:innen-Austausch-Programm im kommenden Jahr zu planen.
2027 startet ein neuer künstlerischer Austausch zwischen Bayern und den West Midlands: Zwei Künstler:innen aus Bayern werden für Residenzen nach Großbritannien reisen, im Gegenzug kommen zwei Künstler:innen aus den Midlands nach Bayern. Im Mittelpunkt stehen bewusst nicht die großen Kunstmetropolen, sondern ländliche Räume und die Frage, unter welchen Bedingungen künstlerische Arbeit dort entstehen, sichtbar werden und sich mit Orten und ihren Bewohner:innen verbinden kann.
Zur Vorbereitung des Austauschprogramms reiste im Oktober eine Delegation des BBK Bayern nach Großbritannien. Organisiert wurde die Reise vom Contemporary Visual Arts Network (CVAN) und Meadow Arts, unseren Partnern für den kommenden Austausch. Eine Woche zwischen Herefordshire, Coventry und Birmingham wurde so nicht nur zur Vorbereitung der Residenzen, sondern auch zu einer Recherche: Was können wir von den Strukturen der Bildenden Kunst in Großbritannien lernen und welche Erfahrungen aus Bayern können wir umgekehrt in diesen Austausch einbringen?
Kunst dort ermöglichen, wo sie nicht selbstverständlich stattfindet
Besonders unmittelbar stellte sich diese Frage in den englischen Midlands und der Grenzregion zu Wales. Die Initiative Meadow Arts arbeitet seit vielen Jahren mit zeitgenössischer Kunst im ländlichen Raum und bringt Künstler:innen mit Orten, Landschaften und lokalen Gemeinschaften zusammen. Kunst entsteht hier häufig außerhalb klassischer Ausstellungsräume, in historischen Gebäuden, Landschaften oder an Orten, an denen zunächst niemand eine Kunstinstitution vermuten würde.
Für uns waren diese Begegnungen besonders spannend, weil viele Fragen an unsere eigene Arbeit mit dem Mobilen Atelier anknüpfen: Wie können Residenzen langfristige Beziehungen zu einem Ort aufbauen? Wie lassen sich Künstler:innen in ländlichen Regionen unterstützen? Und wie können zeitgenössische Kunst und künstlerische Prozesse Menschen erreichen, die nicht selbstverständlich den Weg in Museen oder Galerien finden? Dabei wurde auch deutlich: Entscheidend ist nicht allein, Kunst aus den Städten „aufs Land“ zu bringen. Es geht vielmehr darum, Strukturen zu schaffen, die künstlerische Arbeit vor Ort ermöglichen und den jeweiligen Kontext ernst nehmen. Und Netzwerke sichtbar machen, der der ländliche Raum ist kein kunstleerer Raum, im Gegenteil: In Bayern wie in den Midlands bietet auch der ländliche Raum eine vielseitige und kreiative Kunstszene mit vielen Intitiaitiven und Künstler:innen.
Zwischen British Art Show und artist-led spaces
Wie unterschiedlich solche Strukturen aussehen können, zeigte sich auf den weiteren Stationen unserer Reise. In Coventry waren wir bei der Eröffnung der British Art Show zu Gast, die wichtigste Überblicksausstellungen für zeitgenössische Bildende Kunst in Großbritannien, die nur alle 10 Jahre stattfindet. Hier werden zeitgenössische Künstler:innen ausgestellt, die entweder britische Staatsbürger sind oder in Großbritannien leben.
In Birmingham wiederum richtete sich der Blick stärker auf die unabhängige Kunstszene. Bei Eastside Projects, Grand Union und Stryx lernten wir unterschiedliche Formen von Künstler:innen geführte und selbstorganisierten Strukturen kennen. Diese Orte sind Ausstellungsräume, aber eben nicht nur: Sie bieten Studios, Produktionsmöglichkeiten und Residenzen, schaffen professionelle Netzwerke und ermöglichen Künstler, eigene Formate und Arbeitsweisen zu entwickeln. Daneben stehen Institutionen wie die international renommierte Ikon Gallery oder die New Art Gallery Walsall, die Ausstellung, Sammlung und Vermittlung mit der Förderung zeitgenössischer Künstler:innen verbinden.
Gerade das Nebeneinander dieser sehr unterschiedlichen Strukturen war aufschlussreich: große Institutionen und kleine Initiativen, Hochschulen und selbstorganisierte Räume, internationale Ausstellungen und ortsspezifische Projekte im ländlichen Raum. Zusammen bilden sie eine Kunstlandschaft, in der Künstler:innen an sehr unterschiedlichen Punkten ihrer Praxis Anknüpfungsmöglichkeiten finden.
Was braucht eine lebendige Kunstlandschaft?
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis unserer Reise liegt deshalb weniger in einem einzelnen Projekt oder einer Institution. Interessant ist vielmehr das Zusammenspiel: Künstler:innen brauchen Räume zum Arbeiten und Experimentieren, Möglichkeiten zur Vernetzung und Weiterentwicklung, Sichtbarkeit und nicht zuletzt Menschen und Institutionen, die bereit sind, langfristig in künstlerische Strukturen zu investieren.
Viele der Gespräche in Großbritannien berührten dabei Fragen, die uns auch in Bayern beschäftigen: Wie lassen sich tragfähige Strukturen für Bildende Kunst jenseits der großen Städte entwickeln? Welche Rolle können Residenzen spielen? Wie können selbstorganisierte Initiativen gestärkt werden? Wie entstehen aus einzelnen Projekten Netzwerke, die Künstler:innen auch langfristig tragen? Und wie wirkt sich der ländliche Raum auf die Produktion, Ausstellung und Rezeption Bildender Kunst aus?
Genau hier setzt der Austausch 2027 an. Zwei bayerische Künstler:innen werden in den West Midlands leben und arbeiten, Künstler:innen aus Großbritannien werden im Rahmen des Mobilen Ateliers nach Bayern, genauer gesagt an den Ammersee kommen. Dabei geht es nicht allein um vier Residenzen. Der Austausch soll Künstler:innen, Organisationen und Regionen miteinander verbinden und die unterschiedlichen Erfahrungen beider Länder zum Ausgangspunkt für gemeinsames Lernen machen. Denn vielleicht liegt darin die eigentliche Stärke eines internationalen Austauschs: nicht fertige Modelle zu übertragen, sondern genauer hinzuschauen, wie andere arbeiten und dadurch auch die eigenen Strukturen neu zu betrachten.