Künstler:innen im Portrait: Tabitha Nagy

Tabitha Nagy verstärkt das Team des BBK Bayern schon seit einer ganzen Weile und verantwortet als Programmleiterin Verbindungslinien. Anfang des Jahres machte sie ihr Diplom an der Akademie der Bildenden Künste in München. Zeit also, sie hier einmal auch als Künstlerin vorzustellen.

Was treibt dich in deiner künstlerischen Arbeit an?

Eine Liebe für die Welt und die Beschäftigung mit ihr und ihren Geschichten.

Wie beeinflusst es deine Sicht auf die Welt, dass du Künstlerin bist?

Ich verweile, im Real-Raum und in Gedanken in meinen Sinneseindrücken; über Farben, Formen, die Haptik verschiedener Materialien; die Zeichnungen der Adern eines Blattes, die Reflexion des Lichts auf den Flügeln eines Käfers, die Webung des Stoffs einer Bluse und der sonnengewärmte Geruch von Waschmittel, Parfum und Schweiß... Was und wie ich wahrnehme und Assoziationen herstelle beeinflusst sicherlich meine Arbeiten. Inwieweit das umgekehrt der Fall ist, weiß ich nicht.

Sind Missverständnisse fruchtbar?

Missverständnisse sind unvermeidbar. Alle Akteure gehen in eine Situation mit unterschiedlichen Vorerfahrungen, Prägungen und Erwartungen. Fruchtbar können sie sein, wenn versucht wird, einander besser zu verstehen.

In Bezug auf meine Arbeiten sehe ich es so: Es gibt eine Vielzahl von Bedeutungen, Hintergründen und Verknüpfungen, die ich einbringe und die den Arbeiten inne sind. Sobald meine Arbeiten ohne mich bestehen müssen, und rezipiert werden, entwickeln sich diese Verbindungen weiter. Etwa werden durch Setzungen einer Ausstellung neue Kontexte hinzugefügt oder einzelne Aspekte hervorgehoben. Die Betrachtenden bringen ihre eigenen Bedeutungsnetze mit, vielleicht begegnen sie meinen Arbeiten und sie schaffen dadurch neue Verbindungen darin, oder sie können Anknüpfungspunkte, zu den Netzen der Arbeiten finden. Auf anderen Ebenen als es Worte oder Gespräche ermöglichen würden, kann ich so Ideen, Konzepte und Erfahrungen einbringen und mich mit anderen verständig und verbunden machen.

Wie wird sich dein Werk deiner Meinung nach über die Zeit entwickeln?

Ich habe gerade erst meinen Abschluss an der Akademie gemacht. Daher ist das Gedankenspiel dieser Frage spannend, wenn auch hoch spekulativ. In diesem Moment habe ich bestimmt genug Ideen für neue Arbeiten für die nächsten fünf, vielleicht sogar die nächsten zehn Jahre. Manche werde ich mit der Zeit verwerfen, andere werden hinzukommen. Die Vorstellung meines zukünftigen „Werk“, wie es wohl für alle Zukunft-Szenarien gilt, ist nicht statisch; Was die Vorstellungen gemein haben, ist ihre Verwandtschaft untereinander und ihre Fülle.

Ich experimentiere gerne mit verschiedenen Materialien und Techniken, basierend darauf, was die Geschichten und das Konzept der Arbeiten benötigen. Ohne groß darüber nachzudenken sind meine Arbeiten immer als einander zugehörig erkennbar und ich denke es wird immer grundlegende Prinzipien geben, die sich auch jetzt durch meine Arbeiten ziehen. Etwa die Arbeit mit Licht und Schatten, eine gewisse Feingliedrigkeit und zeichnerische Qualität, die sich auch in den Skulpturen wiederfindet, dass die Arbeiten die Betrachtenden zur Bewegung im Raum verleiten, ein Spiel zwischen Fragilität, Wehrhaftigkeit und Überdauern; um ein paar zu nennen.

Thematisch interessieren mich derzeit oftmals unbeachtete Organismen in Prekären Situationen, ihre Beziehungen zu Anderen und Fiktionen hierüber. Das wird mich vermutlich noch eine Zeit begleiten.

Findest du, dass Kunst anstrengend sein sollte?

Ich bin vehement gegen das Bild der:des leidenden Künstler:ins. Nein, Kunst soll oder muss nicht hart sein. Kunst kann vor Herausforderungen stellen. Es kann frustrieren, wenn etwas nicht so funktioniert, wie es angedacht war. Das heißt nicht, dass der ganze Prozess ein Martyrium ist oder gar sein soll.

Ich nahm eine Weile an, diese Sichtweise, dass es Leiden brauche, um gute Kunst zu machen, wäre schon lange veraltet. Doch begegnet sie mir zu meiner Irritation immer wieder. Warum diese Fantasie eines Lebens voller Leiden und Härte, einem „Kampf“ mit der eigenen Arbeit? Schmerz ist nicht tiefgründiger als Freude und er macht ein Kunstwerk nicht intellektuell wertvoll.

Um es vorweg auszuräumen: Damit meine ich nicht, dass keine Kunst über unbequeme Themen gemacht werden, oder dass Personen, die Leid erfahren keine Kunst machen sollten. Ich finde lediglich die Annahme schädlich, dass man in der Arbeit und im Leben beständig leiden müsse, um (gute) Kunst zu machen. Ist dieser Glauben zu sehr internalisiert, kann er sich nur schädlich und ausbeuterisch auswirken.

Ich finde gute Kunst, Freude und ein gutes Leben sind miteinander vereinbar.

Wovon tagträumst du?

Von den absurden Geschichten, die ich mir bei meinen Spaziergängen ausdenke.

Deine Frage, an die/den folgende:n Künstler:in

Wovon/Was hättest du gerne mehr in deinem Leben? (nicht Geld)

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