Künstler:innen im Portrait: Kollektiv TonAn

Das Künstler:innen-Kolletiv TonAn, bestehend aus Paula Dischinger und Anton Gotzel, bespielte diesen Sommer Das Mobile Atelier in Lindenberg im Allgäu. Die beiden Regensburger:innen begeisterten mit ihrer Arbeit die Gemeinde und die Bevölkerung so sehr, dass sie im Oktober für eine Woche zurückkehren, um ihre Arbeit dort fortzusetzen und eine weitere dauerhafte Installation dort zu realiseren. Und wer weiß, vielleicht entsteht dabei ein neues Lindernberger Wahrzeichen.


Paula Dischinger und Anton Gotzel, o.A.

Paula Dischinger und Anton Gotzel sind zusammen das Künstler:innen-Duo TonAn. Die beiden verbindet eine lange gemeinsame Geschichte. Kennengelernt haben sie sich am Gymnasium, schon damals realisierten sie erste Projekte zusammen. Während Anton einen Laufsteg baute, präsentierte Paula ihre Debüt-Kollektion „Mode aus Papier“. Ihre Wege führten sie anschließend in unterschiedliche Richtungen. Trotz räumlicher Distanz blieben beide im engen kreativen Austausch. Spätestens bei der gemeinsamen Arbeit am Dokumentarfilm „Franz & Apfel“ in Berlin entstand der Entschluss, ihre Zusammenarbeit fortzuführen und Das Mobile Atelier in Lindenberg bietet dafür den idealen Rahmen.

Paula Dischinger studierte unter anderem am Institut Français de la Mode in Paris sowie Performance Art an der Central Saint Martins University in London. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen Mode, Performance und sozialer Interaktion. Internationale Projekte und Ausstellungen prägen ihr Profil genauso wie die Auszeichnung mit dem Bayerischen Atelierpreis im letzten Jahr.

Anton Gotzel studierte Architektur in Innsbruck und arbeitet an der Schnittstelle von Raum, Konstruktion und sozialem Miteinander. In partizipativen Projekten entwickelte er unter anderem modulare Bühnen, mobile Küchen und nachhaltige Rauminstallationen.


Luftbild Echo 1, o.A.

 

Echo 2, Modell Bewegung, o.A.

Haben bestimmte Materialien, Orte oder Begegnungen eure künstlerischen Entscheidungen beeinflusst?

Vor einiger Zeit musste die Stadt Lindenberg ihr Wahrzeichen, einen Ziegelkamin der ehemaligen Hutfabrik Reich (heute: Deutsches Hutmuseum) aufgrund von fälschlicher Sanierung abtragen. Die Steine tragen Lindenbergs Geschichte in sich. Die Stadt hat uns einen Container mit in Mörtel gehüllte Ziegel vor die Aussegnungshalle gestellt. Und diese Ziegel haben auch uns bewegt. Für die nächsten sechs Wochen haben wir in den verschiedensten Konstellationen, Abendveranstaltungen und Workshops über die Ziegel geredet, mit ihnen Musik gemacht und vor allem aber sie gesäubert und von Mörtel befreit.

Gibt es eine Arbeit oder einen Moment, der für euch diesen Aufenthalt besonders gut zusammenfasst?

Einen Moment? Es gibt unendlich viele Geschichten und Bilder in unseren Köpfen und wir sind uns sicher auch in den Köpfen der Lindenberger:innen. Wir haben uns extrem unterstütz gefühlt! Aus dem gemeinsamen Streben ist die permanente Bodenskulptur Echo 1 entstanden. Nur durch so viel Neugier, Interesse und auch durch so viele klopfende Hände kann ein Projekt in dieser Dimension entstehen. Eine Skulptur aus den alten Kaminziegln, die nur durch so viele Hände wieder glänzen. Ein Ort, der an die Geschichte und das Wahrzeichen erinnert. Ein Treffpunkt im Friedhofspark, der von nun an Menschen einlädt sich zu setzen.

Welche Rolle hat Lindenberg für eure Arbeit gespielt?

Lindenberg wir wohnen jetzt hier. Unser Zuhause. Was heißt zuhause? Naja für uns beide hieß es, dass wir Teil sein wollen von dem was passiert. Waldsee baden, Bergfriedhof wandern, Cappuccino im Cafe Netzer und Leberkäse beim Müller. Wir sind beide mit dem Fahrrad angereist und schon direkt zu beginn haben wir uns Wimpelfahnen an unsere Fahrräder gebaut, so waren wir sehr gut zu erkennen: “Ah die Künstler!”. Wir wurden aufgenommen. Und haben so viele Geschichten über den Ort und die Leute gehört. Und genau darauf basieren auch unsere Projekte.

Inwiefern unterscheidet sich das Arbeiten im ländlichen Raum von deiner sonstigen Praxis?

In der Siedlung (=Stadt) ist eh alles anders! Ob die da überhaupt den Himmel sehn? Ich weiß es nicht! Der Stadt-Land Konflikt ist wohl ein Thema, das wir auch oftmals abends auf dem Balkonsitzend in unseren Köpfen überarbeitet haben. In der Stadt ist halt wenigstens nach sechs Uhr noch was los, naja warte mal wir könnten auch in die Arena, da ist bis in die Puppen auch Betrieb. Die Bewegungsabläufe sind einfach anders. Und vor allem in so kurzer Zeit haben wir so viele Menschen kennengelernt ohne große Kennenlerninitiativen zu ergreifen. Man kann schon sagen die Wahrscheinlichkeit ist höher, dass man zum F-Promi wird.

Performance Menschliche Maschine, o.A.

Das Mobile Atelier lebt vom Austausch, wie habt ihr die Begegnungen mit Besucher:innen erlebt?

Uns wurde gesagt, dass im Allgäu die Menschen eher reserviert wären und es schwieriger werden könnte. Absolut Quatsch! Ohne die Lindenberger:innen wäre dieses Mobile Atelier nicht im Ansatz so Früchte bringend. Tag täglich und das ohne Ausnahme waren Menschen aller Altersklassen bei uns zu Besuch. Sie waren neugierig, aufgeweckt und interessiert! Und wenn wir mal nicht da waren, was wohl auch mal vorkam, haben wir direkt eine absent Nachricht erhalten. Viele Menschen hatten Lust Teil des Projekts zu sein. Und so lebte unser Mobiles Atelier von Workshops, Geschichten, Material- und Werkzeugspenden, gemeinsamen Mahlzeiten und unendliche vielen Gesprächen.

Was habt ihr vielleicht selbst von den Besucher:innen gelernt?

Wir fragen uns: Was wüssten wir ohne die Besucher:innen? Nicht mal einen Bruchteil. Ob der Leberkäse beim Müller oder beim Gray besser ist, darüber lässt sich streiten, doch jeder hat wohl eine Meinung. Und dieser Meinungsaustausch ist doch so wichtig!

Was nehmt ihr persönlich und künstlerisch aus eurer Zeit beim Mobilen Atelier mit?

Anfangs wollten wir eine kinetische Skulptur aus Fahrrädern bauen, also haben wir alte Fahrräder gesammelt. Jetzt haben wir beide eins repariert und mitgenommen. Aber nicht nur die Fahrräder, unsere Satteltasche sind voll beladen! Mit so vielen netten Menschen, Fähigkeiten und Erinnerung. Umso mehr freuen wir uns, dass Das Mobile Atelier für uns weitergeht. Wir haben eine zweite Skulptur geplant, die der Wiederhall von ECHO 1 ist. Wenn man etwas in den Boden setzt, dann muss man etwas wiederaufbauen, oder?

Wie würdet ihr euren Aufenthalt bei Das Mobile Atelier in drei Wörtern beschreiben?

STEINE KLOPFEN 2,3,4.

1 Hut 1 Stock, Stadtparkfest, o.A.


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