Interview mit Eunju Hong

Portrait - Interview

Verbindungslinien auf der Biennale in Venedig: Eunju Hong ist Teil des TFAM of Taiwan Collateral Events der 61. Biennale von Venedig.

Eunju Hong, She seemed devastated when I was weeping with Joy, 2025, Performance, 30mins. Foto: Courtesy of the artist.

Im letzten Jahr ein Verbindungslinien-Projekt, in diesem Jahr auf der Biennale von Venedig: Eunju Hongs Performance „She seemed devastated, when I was weeping with Joy“ ist Teil des Eröffnungsprogramms von „Screen Melancholy: Li Yi-Fan“, dem TFAM of Taiwan Collateral Event der 61. Biennale von Venedig. Die Idee zu dieser Performance entstand während des dreimonatigen Künstleraufenthalts der Atelierpreisträgerin in Taipeh, wo sie erstmals mit dem traditionellen ostasiatischen Puppenspiel in Berührung kam. Inspiriert von ihren Besuchen in lokalen Puppentheaterzentren schuf sie eine lebensgroße Puppe, die ihrem eigenen Gesicht und Körper nachempfunden ist. Die aus Hartplastik gefertigte Puppe wird mal gegen den Boden oder die Wand gedrückt, wodurch scharfe, gewalttätige Geräusche entstehen; in anderen Momenten bewegt sie sich sanft neben der Darstellerin. Durch dieses Wechselspiel zwischen Intimität und Brutalität erforscht die Künstlerin die sich verschiebende Grenze zwischen dem Menschlichen und dem Nicht-Menschlichen. 

Eunju konnte gleich zweimal die Jurys von Verbindungslinien von ihrer Arbeit überzeugen: Im letzten Jahr erhielt sie die Beauftragung für die Entwicklung und Umsetzung der Performance „She seemed devastated, when I was weeping with Joy“, die nun auf der Biennale zu sehen sein wird (Alle Infos: https://www.taiwaninvenice.org/2026/), in diesem Jahr ist deren Weiterentwicklung ein Verbindungslinien-Projekt. Wer also nicht auf der Biennale dabei sein kann, kann sich auch in Bayern von Eunjus großartigen Arbeiten selbst überzeugen.


Eunju Hong. Foto: Thomas Dashuber.

Eunju Hong, geboren 1993 in Seoul, absolvierte ihren Bachelor an der Korea National University of Arts in Seoul und studierte im Rahmen von Austauschprogrammen in Paris sowie in Karlsruhe. 2023 schloss sie ihr Studium an der AdBK München in der Klasse von Julian Rosefeldt als Meisterschülerin ab. Von 2020 bis 2022 war sie DAAD-Stipendiatin. Sie erhielt den Medienkunstpreis der Stiftung Ingvild und Stephan Goetz sowie den Bayerischen Kunstförderpreis. Sie nahm an vielen Einzel- und Gruppenausstellungen sowie an Residencies in Europa und Asien teil, u.a. am Goethe-Institut Paris, im Museum of Contemporary Art Busan und im Künstlerhaus Bethanien Berlin. ‍


Li Yi-Fan, Screen Melancholy (screenshot), 2026, 60min, video installation Foto: Li Yi-Fan. Courtesy of the artist and TFAM of Taiwan Collateral Event 2026.

Bist du aufgeregt, mit deiner Performance Teil des Eröffnungsprogramms von „Screen Melancholy: Li Yi-Fan“ zu sein, dem TFAM of Taiwan Collateral Event der 61. Biennale von Venedig? Wie fühlst du dich? Was waren deine ersten Gedanken, als die Einladung kam?

Ja, ich bin sehr aufgeregt und gleichzeitig auch etwas nervös. Ich habe die Arbeiten von Li Yi-Fan schon geschätzt. Umso spannender finde ich, dass sich diese Einladung mit meiner eigenen Erfahrung verbindet: Während meiner Residency in Taipeh Anfang 2024 bin ich erstmals mit traditionellem taiwanesischem Puppenspiel in Berührung gekommen. In diesem Sinne fühlt es sich wie eine unerwartete, aber stimmige Fortsetzung an, nun Teil des Eröffnungsprogramms von „Screen Melancholy: Li Yi-Fan“ im Rahmen des TFAM of Taiwan Collateral Event der 61. Biennale von Venedig zu sein.

Wie steht deine Performance in Beziehung zu „Screen Melancholy: Li Yi-Fan“ und den Arbeiten von Li Yi-Fan?

Ich bin Li Yi-Fans Arbeiten vor einiger Zeit begegnet und habe sofort eine Resonanz gespürt. In „Screen Melancholy: Li Yi-Fan“, kuratiert von Raphael Fonseca, setzt sich Li Yi-Fan mit einer durch Bildschirme geprägten Wahrnehmung von Realität auseinander. Während er mit „digital puppetry“ in virtuellen Räumen arbeitet, nutze ich ein physisches, analoges Doppel meines Körpers. Auch wenn sich unsere Ausdrucksformen und Sensibilitäten unterscheiden, verbindet uns das Interesse an Fragen existenzieller Unsicherheit.

Eunju Hong, She seemed devastated when I was weeping with Joy, 2025, Performance, 30mins. Foto: Courtesy of the artist.

In deiner Performance bildet eine Puppe deinen eigenen Körper nach und wird von einer Performance-Person gesteuert. Was macht das mit dir? Was bedeutet diese Intimität der Performance für dich?

Ursprünglich hatte ich nicht vor, eine Puppe nach meinem eigenen Körper zu gestalten. Ich wusste jedoch, dass die Performance eine Situation beinhalten würde, in der ein Körper an einem Tragesystem befestigt ist und wiederholt mit dem Boden kollidiert.

In diesem Moment erschien es mir notwendig, dass dieser verletzliche Stellvertreterkörper – wenn er ein Gesicht hat – mein eigenes trägt. In früheren Arbeiten, in denen ich mit Performer:innen oder Tänzer:innen gearbeitet habe, habe ich als Anweisende gelegentlich eine gewisse Form von Unbehagen oder sogar Scham empfunden. Insofern ist das Ziehen und Manipulieren meines eigenen Doubles auch eine Art, diese Erfahrung körperlich zu reflektieren und vielleicht zu verarbeiten.

Die Performance war im letzten Jahr ein Verbindungslinien Projekt, in diesem Jahr unterstützt das Programm die Weiterentwicklung deiner Performance. Kannst du etwas zu deinen Plänen dafür erzählen? 

Im vergangenen Jahr wurde die Performance in einem eher intimen Rahmen mit einer einzelnen Performer:in gezeigt. In der aktuellen Weiterentwicklung arbeite ich mit mehreren Performer:innen und konzentriere mich stärker auf die halbmechanische Struktur der Puppe sowie auf die choreografische Ausarbeitung. Eine nächste Version wird im Spätsommer oder Herbst in München gezeigt, gefolgt von einer weiteren Präsentation in Seoul zum Jahresende.

Inwiefern beeinflusst es deine Art, durch die Welt zu gehen, dass du Künstlerin bist?

Ich habe weniger das Gefühl, dass ich Kunst „mache“, sondern eher, dass das Arbeiten als Künstlerin meine Art beeinflusst, mich durch die Welt zu bewegen. Oft reflektiert die Arbeit innere Zustände, bevor ich diese überhaupt in Worte fassen kann. Wenn sich diese Erfahrungen über die Arbeit mit anderen teilen lassen, entsteht daraus für mich eine besondere Form von Klarheit und Verbindung. Während meiner Residency in Taipeh habe ich zum Beispiel eine Form von ostasiatischer Identität wahrgenommen, die mir zuvor nicht bewusst war. Ohne meine künstlerische Praxis hätte ich diese Erfahrung vermutlich nicht gemacht.

Eunju Hong, She seemed devastated when I was weeping with Joy, 2025, Performance, 30mins. Foto: Courtesy of the artist.

 

Welche Gespräche möchtest du mit deinen Werken anregen?

Ich beschäftige mich häufig mit Fragen danach, was „Menschsein“ eigentlich bedeutet – insbesondere im Kontext technologischer Entwicklungen. Mich interessiert, wie wir mit Technologien leben können, die zunehmend Teil unseres Alltags werden, und welche Formen des Zusammenlebens dabei möglich sind. 

Welche Rolle spielen Spaß und Freude in deiner Kunst?

Eine der größten Freuden liegt für mich darin, wenn etwas, das lange nur als Vorstellung existiert hat, in der Realität Form annimmt. Wenn man zwischen Realität und Imagination unterscheidet, dann bewegt sich meine Arbeit oft genau in dem Moment, in dem sich beides überlagert. In diesen Momenten liegt eine sehr unmittelbare, fast kindliche Freude, die ich mir auch als erwachsene Person erhalten möchte.

Eunju Hong, She seemed devastated when I was weeping with Joy, 2025, Performance, 30mins. Foto: Courtesy of the artist.

Eunju Hong. Foto: Thomas Dashuber.

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