Abschlussausstellung in Lindenberg
Das Mobile Atelier in Lindenberg im Allgäu mit dem Künstler:innen-Duo Ton An neigt sich dem Ende. Das feiern wir mit einem Ausstellungswochenende, wofür dich die beiden etwas großartiges ausgedacht haben. Die Vernissage findet am Samstag, 1. August um 19.00 Uhr in der ehemaligen Aussegungshalle auf dem Aurelius Friedhofspark in Lindenberg im Allgäu statt.
Das Kaminprojekt
Der Kamin der ehemaligen Hutfabrik Reich, heute Deutsches Hutmuseum, war lange ein Wahrzeichen der Lindenberger Stadtgeschichte. Als Teil der industriellen Vergangenheit der Hutstadt stand er für Produktion, Arbeit, Rhythmus und für die Menschen, die Lindenberg geprägt haben. Nachdem der Kamin abgerissen werden musste, blieben seine Steine zurück. Der Abriss war und ist emotional geladen. In Lindenberg wurde darüber gesprochen, gestritten und politisch verhandelt. Aus vielen Erzählungen wissen wir, dass einzelne Kaminsteine heute in Gärten, Höfen oder Häusern von Lindenbergerinnen und Lindenbergern liegen. Sie wurden mitgenommen, aufgehoben und aufbewahrt — als materielle Erinnerung an ein verschwundenes Wahrzeichen und an die damit verbundene Geschichte der Hutindustrie.
Seit mehreren Wochen arbeiten wir mit diesen Steinen. Wir klopfen sie frei von dem anhaftenden Zementmörtel und reinigen sie. Die keilförmigen Kaminsteine, die einst eine aufragende Rundform bildeten, werden nun zum Material und zur Geschichte einer neuen Skulptur im ehemaligen Aureliusfriedhof, der heute auch als Park genutzt wird. Die Form des Kamins wird umgedreht und in die Erde hinein gebaut. Nicht der aufsteigende Kamin bleibt sichtbar, sondern seine Abwesenheit wird als Negativform erfahrbar. Aus dem ehemaligen Wahrzeichen entsteht ein in den Boden eingelassener Kegel - ein ruhiger Ort, der an das Verschwinden erinnert und gleichzeitig eine neue Form von Präsenz schafft.
Der Kamin wird hier gewissermaßen begraben — neben den Ehrenbürgerinnen und Ehrenbürgern, neben den Menschen der Lindenberger Stadtbevölkerung, deren Geschichten auf diesem Friedhof bereits eingeschrieben sind. Das industrielle Wahrzeichen der Stadt wird nicht an einen neutralen Ort versetzt, sondern in einen Erinnerungsraum eingebettet. Die Skulptur verbindet die Geschichte der Lindenberger Hutindustrie mit dem heutigen Stadtraum. Sie beschäftigt sich mit den Spuren der Stadt und mit der Frage, wie Erinnerungen im Material weiterleben.
Das Künstlerduo Ton An von Paula Dischinger und Anton Gotzel ist vom 8. Juni bis 2. August 2026 in der ehemaligen Aussegnungshalle im Aurelius-Friedhofspark in Lindenberg im Allgäu. Sie verwandeln den Ort für mehrere Wochen in ein offenes Atelier: einen Arbeitsraum, der nicht abgeschlossen ist, sondern Besucherinnen und Besucher einlädt, hineinzukommen, Fragen zu stellen, Gespräche zu führen und den künstlerischen Prozess mitzuerleben. Die ehemalige Aussegnungshalle wird dadurch zu einem Ort zwischen Atelier, Treffpunkt, Erinnerungsraum und öffentlichem Experiment. Ausgangspunkt ihrer gemeinsamen Arbeit ist Lindenbergs Geschichte als Hutstadt. Unter dem Titel Hut, zwei, drei, vier beschäftigen sich die beiden mit dem Rhythmus der Stadt: mit dem historischen Vier-Sekunden-Takt der Strohhutproduktion, mit der industriellen Vergangenheit Lindenbergs und mit der Frage, welche Spuren dieser Geschichte heute noch im Stadtraum, im Material und in den Erzählungen der Menschen weiterleben. Der Titel greift den Takt, das Zählen und die Bewegung der Produktion auf und übersetzt sie in eine künstlerische Recherche über Arbeit, Erinnerung, Gemeinschaft und Wandel.