Augenmerk
In der neuen Rubrik „Augenmerk“ stellen wir euch Künstler:innen, Ausstellungen, Kunst-Orte und Ausschreibungen vor, die uns aufgefallen sind. Im Wechsel kuratiert das Team des BBK Bayern diese Auswahl. Mit der September-Ausgabe neigt sich der Sommer zwar dem Ende zu, dafür hat die freie Kunstszene in Bayern zum Season Opening nach der Sommerpause viel Faszinierendes zu bieten. Hier unsere Empfehlungen, die ihr nicht verpassen solltet.
Künstler:innen, die man kennen sollte: Claudia Holzinger
Claudia Holzinger bewegt sich in ihren Arbeiten zwischen Fotografie, Performance und Installation. Und das immer klug, komisch und mit einem untrüglichen Sinn für das Absurde im Alltag. Wer gesellschaftliche Rollenbilder, Körperpolitik und die Komik des Alltäglichen nicht nur denken, sondern auch sehen will, sollte Holzingers Arbeit im Blick haben. Holzinger arbeitet vor allem fotografisch, denkt ihre Bilder aber konsequent räumlich: als installative Ensembles, in denen Kostüm, Körperbemalung, Objekt und Raum zusammenwirken. In präzise inszenierten Settings verwandelt sie sich selbst zum Bildträger – als Brezel, Kaktus, Regal oder „süße Schnitte“ – und erzeugt humorvolle Mischwesen aus Mensch und Ding. Dahinter steht ein ernstes Programm: die Befragung von Zuschreibungen, Geschlechterrollen, Fankultur, moralischen Normen und Machtstrukturen – verhandelt über Pathos, Kostümkomik und eine gezielte Inszenierung des Unbeholfenen. Und wer sich von ihrer Kreativität selbst überzeugen möchte, dem sei die Garagen Biennale Buchenbach empfohlen…siehe nächster Tipp!
Kunst-Orte, die man besuchen sollte: Garagen Biennale Buchbach
Das Verbindungslinien-Projekt “Garagen Biennale Buchbach” nutzt private Garagen in Buchbach im ländlichen Oberbayern als temporäre Ausstellungsräume für zeitgenössische künstlerische Positionen. Der daraus entstehende Ausstellungsparcours kann von Besucher:innen eigenständig abgegangen werden. Kuratierte Ausstellungen in Garagen, ein ergänzendes Programm aus Performances, Lesungen und Konzerten, Workshops für Kinder und Jugendliche sowie ein eigenständiges Kunstvermittlungsangebot ermöglichen künstlerischen Austausch, nachhaltige Teilhabe und die Stärkung regionaler Kunstökologien, unabhängig von musealen Institutionen und jenseits urbaner Zentren. Die Garagen Biennale Buchbach wird organisiert von Claudia Holzinger, Jonah Gebka, Laura Kniesel und Laura Osbild. Die Garagen Biennale verbindet zeitgenössische Kunst mit einem besonderen Ort und möchte Kunst bewusst aus den klassischen Ausstellungsräumen hinaus in den ländlichen Raum bringen. Gezeigt werden Arbeiten von Künstler:innen aus dem In- und Ausland. Unbedingt hinfahren, es lohnt sich.
Samstag, 19. und Sonntag, 20.09.2026 sowie Samstag, 26. + Sonntag, 27.09.2026, jewels von 11 bis 18 Uhr
84428 Buchbach, Oberbayern
Die offizielle Eröffnung ist am Samstag, 19.09.2026 um 14 Uhr im Hof hinter der Dorfner Strasse 1.
Ausstellungen, die man gesehen haben muss I: Ways of Knowing Otherwise
Was passiert, wenn zwei Künstlerinnen für drei Monate nach München kommen und sich die Stadt erst einmal genau anschauen? Nicht nur ihre Museen und Ausstellungen, sondern auch Werkstätten, Ateliers, Archive, industrielle Orte und Initiativen, die sich mit Wiederverwertung beschäftigen? Emilia de las Carreras aus Buenos Aires und Fátima Rodrigo aus Lima haben während ihrer Residenz im AIR-M Ebenböckhaus genau das getan. Ihre künstlerische Recherche führte sie durch ganz unterschiedliche Bereiche Münchens und in den Austausch mit lokalen Künstler und Akteur. Die dabei entstandenen Arbeiten sind nun in einer gemeinsamen Ausstellung bei SOSOSO Space zu sehen.
Wir mögen Ausstellungen, die nicht einfach irgendwo ankommen, sondern sich tatsächlich auf einen Ort einlassen. Und genau deshalb ist diese Präsentation für uns interessant: Sie zeigt nicht nur, was zwei Künstlerinnen während einer Residenz produzieren, sondern auch, was entstehen kann, wenn künstlerische Praxis mit Beobachtung, Begegnung und lokaler Recherche beginnt. Kuratiert von NEBYULA by Rosa Stern Space e.V. in Zusammenarbeit mit Salta art.
Eröffnung: 17. September, 16 Uhr
SOSOSO Space
Lindenschmitstraße 27, 81371 München
Ausstellungen, die man gesehen haben muss II: Patrick Ostrowsky – un-hold
Wie erinnert sich ein Raum? Und was bleibt von einem Körper, wenn er längst nicht mehr da ist? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Patrick Ostrowsky in seiner Ausstellung un-hold bei Galerie Britta Rettberg in München. Es ist bereits die dritte umfassende Einzelausstellung des Künstlers in der Galerie – und zugleich eine Weiterführung seiner Auseinandersetzung mit der Oberfläche als Träger von Erinnerung. Ostrowsky untersucht das Verhältnis von Körper, Raum und den Strukturen, die beide miteinander verbinden. In neuen Arbeiten auf Papier nutzt er unter anderem Marmorierung und Frottage, um die Berührung des Körpers mit einem Ort sichtbar zu machen. Dabei interessieren ihn gerade die Übergänge: zwischen gerahmt und ungerahmt, Ausstellung und Skulptur, dem Vorläufigen und dem Dauerhaften. Seine Arbeiten wirken wie Spuren von etwas, das einmal da war – und zugleich wie Versuche, einen Ort, einen Moment oder eine Verbindung festzuhalten. Wir finden: Eine Ausstellung für alle, die sich gerne etwas länger fragen lassen, was ein Raum eigentlich speichert – und wie viel Körper in einem Kunstwerk stecken kann.
Eröffnung: 17. September, 18.00 Uhr
Galerie Britta Rettberg
Gabelsbergerstraße 51, 80333 München
Ausstellungen, die man gesehen haben muss III: where things stay too long - Sophia Mainka
Was passiert, wenn Dinge nicht einfach Dinge sind? Wenn sie anfangen, sich der menschlichen Ordnung zu entziehen, eigene Rollen einzunehmen und vielleicht sogar ihre ganz eigenen Geschichten zu erzählen? Mit „where things stay too long“ zeigt The Tiger Room die erste Einzelausstellung der Münchner Künstlerin Sophia Mainka. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen Skulptur, Video und Installation und interessieren sich für die oft erstaunlich durchlässigen Grenzen zwischen Mensch und Nicht-Mensch, Funktion und Fiktion. Dabei entstehen hybride, postanthropozentrische Erzählungen, in denen Gegenstände zu eigenständigen Akteuren werden. Vertraute Dinge erscheinen plötzlich ein wenig fremd – und unsere Vorstellungen davon, wem etwas gehört, wofür es da ist und welche Bedeutung wir ihm geben, geraten ins Wanken.
Eröffnung: 17. September, 18.00 Uhr
The Tiger Room
Heßstr. 48b, 80798 Munich